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"Ich habe keine Zeit für Träume und Hoffnungen"

veröffentlicht um 13.09.2011, 22:16 von Andy Brittain   [ aktualisiert: 13.09.2011, 22:25 ]
Eine ähnliche Hungerskatastrophe wie am Horn von Afrika könnte sich schon bald in Madagaskar wiederholen: Laut Vereinten Nationen entwickelt sich dort eine "schleichende Katastrophe". Das ohnehin arme Land leidet unter einer politischen Dauerkrise und Sanktionen der internationalen Geber.


Über die Auswirkungen der politischen Krise in Madagaskar Von Leonie March



Louisette Razananoro steht bis zu den Waden im schmutzigen Wasser des Kanals, Algenteppiche und Abfall treiben langsam an ihr vorbei. Sie taucht eine Hose in die stinkende Brühe, bearbeitet sie auf einem Mauervorsprung mit Seife und einer Bürste. Eine andere Möglichkeit habe ich nicht zum Wäschewaschen, meint die 33-Jährige. Sauberes Wasser gibt es in den Slums von Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar, nur gegen eine Gebühr aus kommunalen Brunnen. Die allein erziehende Mutter von drei Kindern benutzt es daher nur sparsam als Trinkwasser. Sie muss auf jeden Cent schauen.

"Seit der politischen Krise ist das Leben für mich noch schwieriger geworden. Mein Mann ist gestorben. Mein Vater und mein Bruder, die früher in einer Textilfabrik angestellt waren, sind arbeitslos. Wenn ich Glück habe, kann ich für jemanden die Wäsche waschen und mit dem Lohn etwas zu Essen kaufen. Reis war einmal unser Grundnahrungsmittel, aber die Preise sind derart gestiegen, dass er zu einem Luxusgut geworden ist. Jetzt können wir uns nur noch Maniok leisten, aber an den meisten Tagen müssen meine Kinder und ich hungrig zu Bett gehen."

Die zierliche, kleine Frau, deren Körperbau eher an den einer Jugendlichen erinnert, knotet die Wäsche zu einem Bündel und folgt einem schmalen Trampelpfad den Kanal entlang. Links und rechts die verschachtelten Fassaden baufälliger Steinhäuser, Bretterverschläge und Blechbuden. Ein Junge treibt eine Kuh vor sich her, Hühner picken im Unrat, Kinder spielen in den Abwasserkanälen. Seitdem sich Andry Rajoelina, ehemals Bürgermeister der Hauptstadt, mit Hilfe des Militärs vor fast zweieinhalb Jahren an die Macht putschte, nimmt die Armut in Vierteln wie diesen drastisch zu. Das erzählt Rojo Andriandrova, ein junger Mann, der für die gemeinnützige Kinderrechtsorganisation "Appuis aux enfants" arbeitet.

"Die Situation hat sich durch die politische Krise erheblich verschlechtert. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, die Zahl der Diebstähle hat zugenommen, die sozialen Strukturen brechen zusammen. Eltern können ihre Kinder kaum noch ernähren, viele Kinder gehen inzwischen nicht mehr zur Schule. Sie spielen draußen in einer Umgebung, die sie krank macht, sie laufen täglich Gefahr, sich zu verletzen oder mit Krankheiten anzustecken."

Durchfallerkrankungen, Malaria, Cholera und sogar die Pest grassieren in den Slums. Laut Zahlen der Vereinten Nationen leidet jedes zweite Kind in Madagaskar an chronischer Unterernährung, bis zu 20 Prozent gelten als akut unterernährt, mehr als drei Viertel der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Dabei hatte der Inselstaat vor dem Putsch große Fortschritte bei der Entwicklung gemacht, betont Bruno Maes, Repräsentant des Kinderhilfswerks UNICEF in Madagaskar. Nun warnt er vor einer humanitären Katastrophe.

"Wenn die politische Krise nicht gelöst wird, erwarte ich eine weitere Aushöhlung und letztlich einen Zusammenbruch der sozialen Systeme. Die Situation der Bevölkerung wird sich weiter verschlechtern. Seit dem Beginn der Krise vor fast zweieinhalb Jahren hat die Armut um etwa 9 Prozent zugenommen. Das führt zu einer immer höheren Kindersterblichkeit und mehr und mehr Unterernährung. Das Gesundheits- und das Bildungssystem stehen vor dem Kollaps. Ich sehe also schwarz für die Kinder in diesem Land, wenn sich in den kommenden Wochen oder Monaten nichts verändert."

Doch danach sieht es momentan nicht aus: In der ehemaligen französischen Kolonie herrscht politischer Stillstand, international wird der selbst ernannte Präsident Andry Rajoelina nicht anerkannt, die Vermittlungsbemühungen der Entwicklungsgemeinschaft des Südlichen Afrika, SADC, sind bislang im Sande verlaufen. Internationale Geber haben die Entwicklungshilfe seit dem Putsch eingefroren; geschätzte 600 Millionen Euro, die zuvor etwa 70 Prozent der Regierungsausgaben ausmachten. Jetzt fehlen dem Staat die Mittel etwa um Lehrer und Krankenschwestern zu bezahlen. Hinzu kommen Wirtschaftssanktionen. Sie setzen dem unterentwickelten Land deutlich zu, bis zu 300.000 Menschen haben seitdem ihren Arbeitsplatz verloren. Auch die unterschiedliche Haltung der internationalen Gemeinschaft zum Militärputsch erschwert die Lage. Constantin Grund, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Madagaskar.

"Beispielsweise hat natürlich die französische Seite nie einen großen Hehl daraus gemacht, dass sie die amtierende Regierung zumindest teilweise unterstützt. Die amtierende Regierung hat aber auch andere wichtige politische Freunde, seien es chinesische Investoren, die in Madagaskar investieren im Minenbereich, seien es andere wirtschaftliche Verbindungen, die in den indopakistanischen Raum hineingehen. Die andere Seite dreht sich um einige europäische Partner aber auch die Amerikaner, die eigentlich ein sehr gutes Verhältnis zum Ex-Präsidenten Ravalomanana hatten und dementsprechend mit der neuen Regierung nicht einverstanden sein können. So dass die internationale Gemeinschaft sich schwer tut mit der Formulierung einer einheitlichen Position, die auch ehrlich von allen getragen wird."

Wer darunter leidet, ist die bitterarme Bevölkerung auf dem Land und in den Slums der Hauptstadt. Doch die meisten Menschen sind so entkräftet, dass sie an einen Bürgeraufstand nach dem Vorbild nordafrikanischer Staaten nicht denken können. Der Ex-Präsident lebt im südafrikanischen Exil, die politische Opposition zieht nicht an einem Strang. Gelegentlich kommt es in Antananarivo zwar zu Protesten und Demonstrationen, doch die Militärjunta behält die Situation fest im Griff. An eine bessere Zukunft glaubt Wäscherin Louisette Razananoro angesichts all dessen schon längst nicht mehr.

"Ich habe keine Zeit für Träume und Hoffnungen. Ich muss einfach nur überleben. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre es, dass meine Kinder zur Schule gehen und ich sie ordentlich ernähren kann. "

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