Unser Auftrag

Eine Slowenin sagte uns vor ein paar Monaten: „Als ich zum ersten Mal Pater Pedro in Slowenien getroffen habe, dachte ich spontan an Backhefe; genau wie sie treibt er alles schlagartig auf, was mit ihm in Berührung kommt.“ Pater Pedros immense Hilfeleistungen, seine aufopfernden Taten in Madagaskar sind zweifellos bewundernswert und doch bekomme ich in Vorträgen immer wieder zu hören: „Es gibt auch bei uns in Europa viele arme Menschen, warum setzen wir nicht hier an?“ Madagaskar ist für viele Menschen weit entfernt, was kann ein Pater Pedro schon auf einer der vielen Müllhalden dieser Erde ausrichten? Gibt es nicht auch in Alexandria oder Kalkutta Müllberge, kennen wir nicht alle die grosse Misere in Indien, die bettelnden Kinder an den Flughäfen, die Bilder von verhungernden Menschen in Somalia oder im Sudan?

Mancherorts hat gar das Interesse an den Hilfsaktionen für die Dritte Welt nachgelassen, denn wer hört schon gerne permanent schlechte Nachrichten? Das Elend ist so erschütternd, dass man es nicht mehr aufnehmen will, nicht mehr zuhören kann, denn es scheint hoffnungslos, dagegen ankämpfen zu wollen!

Gewiss ist es für Journalisten auch einfacher, über Missstände, Unglücke zu berichten und immer wieder die Anzahl der Toten als Quantifizierungsfaktor aufzuführen. Wie schwierig und komplex ist es jedoch oft, über gute Taten zu schreiben! Kaum jemand liest sie, selten setzen die Leser sich mit der oft langatmigen Materie auseinander und so selektieren wir leider alle den immensen Informationsfluss, der uns tagtäglich umspült.

Warum wir?

Ja, warum machen gerade wir uns heute Gedanken um einen Pater Pedro und nicht andere? Ich denke, wir sind alle in einer ewigen Mutation: wir verändern uns im Laufe unseres Lebens, die Welt verändert sich, wir nehmen unbewusst die uns zugewiesenen Plätze ein, wir leben unsere Epoche. Die meisten Menschen auf der Welt sind jedoch in ihren Grundbedürfnissen gefangen: essen, lieben und besitzen! Gerade Menschen, die in Notzeiten oder in Krisengebieten aufwachsen, streben nach dem elementaren Besitz, der ihnen Ängste nimmt und sie vom Elend absondert. So wie heute die Machthaber in Madagaskar oder in anderen Dritte-Welt-Ländern.

Wir in Europa haben unsere Grundbedürfnisse seit langem befriedigt und es ist uns unvorstellbar, dass Kinder auf der Strasse vor Hunger tot umfallen. Das sind Dimensionen, die man vom Kommunikationsvektor Fernsehen her kennt, aber genauso wie John-Wayne-Filme behandeln wir sie eher abstrakt. Manche können lange Diskussionen über Sinn oder Unsinn der Entwicklungshilfe führen, die Probleme der Kinder pragmatisch abhandeln, sie in eine Schublade ihres Wissens einfügen. Ihre Herzen sind bereits technisiert, programmiert, sie sind gefangen in ihrer Welt, ihrer kleinen Welt um ihren eigenen Bauchnabel herum!

Die Menschen, die ich um Pater Pedro herum kennenlernen durfte, sind anderer Natur! Sie fühlen sich durch die Persönlichkeit des Paters in seinen Bann gezogen und entdecken dabei andere Dimensionen. Gewiss, es entsteht oft der Eindruck, gegen Windmühlen anzukämpfen, derartig vermehrt sich die Armut auf der ganzen Welt. Doch wir setzen Zeichen, geben Beispiele, ohne demagogisch zu sein, bescheiden und doch voller Tatkraft! Das Ergebnis in Akamasoa erstaunt heute die ganze Welt!

 

Warum helfen?

Helfen ist keine Angelegenheit von Eliten. Doch den wahren Sinn des Helfens zu begreifen, ist nur wenigen vorbehalten! Helfen ist beileibe kein guter Neujahrsentschluss oder eine Abbitte für versäumte Taten, sondern das Begreifen, das Verinnerlichen einer Mission, die wir Menschen auf Erden haben. Wir sind Teil eines komplexen Gefüges, das sich unserem rationalen Verstand entzieht, und jeder von uns trägt zum Streben der Menschheit nach ihrem „Weiterkommen“ bei. Die kleinen Kinder, die wir auf der Müllhalde retten, sind die Eliten von morgen, von einem besseren Morgen! Es sind die Kinder, denen wir unsere Erde vermachen.

Pater Pedro setzt Zeichen, rüttelt Gewissen wach, zeigt neue Wege der politischen Zusammenarbeit mit Afrika auf! Ich für meinen Teil bin davon überzeugt, dass er in diesem Bereich Ähnliches bewirken wird, wie es die junge 68er Generation gemacht hat, nämlich eine Bewusstseinsveränderung herbeizuführen. Wir alle nehmen heute an einem Stück Geschichte teil, sind mitten drin, unterstützen einen besonders herausragenden Kämpfer für mehr Menschlichkeit! So wie damals Albert Schweitzer seiner Zeit voraus war und in Lambarene Wunder geschaffen hat!

Er kämpft heute und jetzt für uns, dieser selbe Kampf wäre vielleicht vor dreissig Jahren völlig unmöglich gewesen und wird vielleicht in dreissig Jahren ganz einfach selbstverständlich geworden sein! Unsere Epoche will es, es ist heute an der Zeit, in solche Projekte Energien einzubringen, um den Lauf der Geschichte zu verändern. Ein einziger Mann kann heute Berge versetzen, konnte es immer schon, Pater Pedro beweist es, andere haben es vor ihm bewiesen!

 

Und unsere Motivation?

Manche Menschen besitzen ein Prozent eines Automobilherstellers, andere beuten Kaffeeplantagen in Südamerika durch ihre Aktiengesellschaften aus, wir mit unserem Förderverein bauen an den Seelen von hunderttausenden von Menschen, geben ihnen eine Zukunft! Hier gibt es keine messbare Rendite, keine Pfründe, sondern die unendlich tiefere Befriedigung, andere Menschen glücklich, dauerhaft glücklich gemacht zu haben und am Lauf der Welt wirklich teilzunehmen!

Immer wieder kommt die Frage nach der Beständigkeit, der Nachhaltigkeit auf. Pater Pedro führt dazu in seiner Biografie Scott Fitzgerald an: „Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Dinge ohne Hoffnung sind, und doch entschlossen sein, sie zu verändern!“ Oft sind es kleine Zufälligkeiten oder die Kraft einer einzigen Person, die den Lauf der ganzen Welt verändern.

Unsere Motivation ist es, zu einer besseren Welt uneigennützig beizutragen. Mit unserem bewussten Handeln, unserer Lebensausrichtung und all unser Liebe für den Mitmenschen. Mit dem Herzen handeln und Beispiele geben. Das ist nicht der Geldschein im Klingelbeutel oder die jährliche Caritasspende, sondern der persönliche, bewusste Einsatz für ein grosses Werk der Menschheit! Ob es nun wie in unserem Fall in Madagaskar steht oder am Amazonas angesiedelt ist, spielt keine Rolle. Wichtig ist dabei, dass auch wir davon profitieren, auf menschliche Art. Uns bereichern an der Freude der Kinder, an dem Bewusstsein, dass wir wirklich zu einer besseren Welt beigetragen haben. 

Diese Liebe zu unseren Mitmenschen tragen wir in uns und geben sie wieder in unserem Umfeld weiter. Hier ist kein Platz für Narzissmus und man wird dadurch auch nicht zu einem Halbgott. Aber man weiss, dass man Sinn in sein Leben einbringt, sich einer grossen Sache verschreibt und uns niemand diesen Besitz nehmen kann!

Dr. Gérard Turbanisch